Der Untergang Trojas - frei nach Homer

In der Antike wanderten in Griechenland Sänger von Ort zu Ort und trugen ihren Zuhörern Heldengeschichte in einer Art Sprechgesang vor, den man heute vielleicht als „Rap“ bezeichnen würde. Der zweiten Theaterklasse des Adam-Kraft-Gymnasiums ist es mit ihrer freien Inszenierung von Homers „Ilias“ eindrucksvoll gelungen, ein lebendiges Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne zu schaffen.

Eine Schulklasse besucht mit ihrer Lehrerin ein Museum zur griechischen Antike. Sie deutet auf ein Vasenbild, das Homer zeigt. „Ich kenn’ nur Homer Simpson“, bekundet der rappende Schüler Justin mit zuckenden Schultern und lässiger Fingerakrobatik. Und als die Lehrerin die zentrale Frage stellt, worum es in der „Ilias“ gehe, werfen ihre Schüler inbrünstig in den Raum: „Es geht um Leben und Tod, den ewigen Ruhm, Liebe und Eifersucht! Und natürlich um Macht!“

Die jungen Schauspieler erzählen mit erhabener Stimmfärbung in der Tradition antiker Mythenüberlieferung den über Jahre andauernden, blutigen Konflikt zwischen den Griechen und den Trojanern. Mythischer Auslöser ist die Entführung der griechischen Göttin Helena, der Ehefrau des Menelaos, durch Paris, den Sohn des trojanischen Königs Priamos. Daraufhin zogen die vereinten Griechen gegen Troja, um Rache zu üben. Trotz einer zehnjährigen Belagerung kann die stark befestigte Stadt zunächst nicht erobert werden.

Immer wieder gelingt es durch Überblendungen in die Gegenwart des Museums, die verworrene Geschichte der vielen mythologischen Gestalten greifbar zu machen. Als der Trojaner Hektor in den Kampfhandlungen von Achilleus getötet wird, kommentiert Oberchecker Justin: „Was für eine krasse Killermaschine!“

Die Schattenbühne ist ein zentrales Gestaltungselement in der Inszenierung von Theaterlehrer Henning Krüger. Die Standbilder im Hintergrund greifen Schlüsselszenen der „llias“ auf und erzeugen im vollbesetzten Blauen Theater tatsächlich die Illusion, antike Vasenbilder zu betrachten. Kampfszenen in Zeitlupe zeigen, dass die Sechstklässler in ihrer zweijährigen Theaterausbildung eine präzise Körperbeherrschung gelernt haben.

Den entscheidenden Hinweis, wie die Griechen Troja nun endlich einnehmen könnten, erhalten sie von Odysseus. Sie bauten daraufhin ein großes hölzernes Pferd, in dem sie griechische Krieger versteckten. Die vermeintliche Opfergabe stürzte die Trojaner ins Verderben: Die Krieger entstiegen dem Pferd und öffneten die Tore für das griechische Heer, das Troja dem Erdboden gleichmachte.

Es ist bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit und Spielfreude die Sechstklässler diesen durchaus schweren, antiken Stoff auf die Bühne gebracht haben. Dass sie in den vergangenen zwei Jahren auch als Team bestens zusammengewachsen sind, ist ein weiterer Effekt dieser integrativen Form der Theaterpädagogik. Seit dem Schuljahr 2016/17 können sich interessierte Kinder für eine Theaterklasse am Adam-Kraft-Gymnasium anmelden. Dass dies bei Schülern und Eltern sehr gut ankommt, zeigt der Ausblick ins neue Schuljahr: Auch im September starten wieder zwei Klassen mit diesem besonderen Ausbildungsschwerpunkt.

Text/Foto: Stefanie Ulrich