Wir sind der Landtag!

Die Mensa des Adam-Kraft-Gymnasiums wird kurzerhand zum Plenarsaal umfunktioniert, in den Klassenzimmern tagen die Fraktionen. Nach einer anfänglichen Orientierungsphase haben sich die Schülerinnen und Schüler der zehnten Jahrgangsstufe schnell in ihre vorgegebenen politischen Profile eingefunden und beginnen mit ihrer Arbeit: Sie schlüpfen in die Rollen von fiktiven Abgeordneten der im Landtag vertretenen Parteien und stellen sich der Herausforderung, am Ende des Vormittags einen Gesetzesentwurf zu verabschieden. Und dieser Entwurf sorgt für Zündstoff: Die Fraktion der CSU möchte ein Gesetz zur Verbesserung der Sicherheit und Ordnung in bayerischen Innenstädten beschließen, das die Videoüberwachung deutlich ausweiten soll.

So startet das Kooperationsprojekt zwischen dem Bayerischen Landtag und der Forschungsgruppe Jugend und Europa. Vier Mitarbeiterinnen des Centrums für angewandte Politikforschung haben die Materialien zielgruppengerecht komprimiert. Der sechzehnjährige Yannick Krug verwandelt sich ohne zu zögern in einen 54-jährigen Brauereimeister aus Erding. Als Fraktionsvorsitzender der CSU übernimmt er eine wichtige Funktion und vertritt souverän das Anliegen seiner Partei, die erfassten Daten bei der Videoüberwachung für sechs Monate zu speichern. Vehement treten ihm die Redner aus den Fraktionen der SPD, der Freien Wähler und der Grünen gegenüber. Die SPD-Abgeordnete Mia Russer argumentiert im Parlamentsausschuss geschickt mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung, indem sie deutlich macht, dass der weitere Ausbau der Videoüberwachung zu stark in die Persönlichkeitsrechte eines jeden einzelnen Bürgers eingreife. Zehntklässlerin Nora Schneider füllt die Rolle der Fraktionsvorsitzenden ebenso überzeugend aus und appelliert an das Plenum: „Flächendeckende Überwachung trifft jeden Bürger! Wir wissen aus der historischen Erfahrung, dass Freiheit in kleinen Schritten stirbt.“ Es folgt begeisterter Beifall aus den Reihen der Opposition.

Trotz intensiver Vorarbeit und Diskussion in den Ausschüssen, mahnender Worte in den Redebeiträgen der Opposition kann die CSU als stärkste Fraktion ihren Gesetzesentwurf mit einer knappen Mehrheit durchbringen. Franziska Schwarz leitete als Landtagspräsidentin die Abstimmung und resümierte danach: „Toll, wie sehr man sich in dieser kurzen Zeit in die Arbeit von Politikern hineinversetzen kann. Es hat großen Spaß gemacht.“ Auch die Gestalter des Planspiels zeigten sich von der lebendigen und engagierten Diskussionskultur sehr angetan. „Dass nach nur wenigen Stunden über die Gesetzesvorlage abgestimmt werden konnte, liegt auch an der großen Einsatzbereitschaft der Schüler, sich auf dieses Projekt so aktiv einzulassen“, sagt Veronika Brandl, die zusammen mit ihren drei Mitarbeiterinnen der Forschungsgruppe Jugend und Europa den Zehntklässlern mit Tipps zur Seite stand. Sie lobte auch das breite Vorwissen aus dem Sozialkundeunterricht. AKG-Lehrkraft Sophia Bender hatte ihre Schützlinge nicht nur inhaltlich vorbereitet, sondern auch im Vorfeld optimale Rahmenbedingungen für eine reibungslose Durchführung des Planspiels geschaffen.

Den Schlusspunkt an diesem besonderen Schultag setzte eine Diskussion mit den Abgeordneten Gabi Schmidt (Freie Wähler), Stefan Schuster (SPD) und Karl Freller (CSU). Sie stellten sich den Fragen der Schüler und gaben Einblicke in ihren Alltag als Mitglieder des Bayerischen Landtags. Einer Meinung waren alle Experten darin, dass die Schülerinnen und Schüler des Adam-Kraft-Gymnasiums mit ihrem Interesse an demokratischen Entscheidungsprozessen mit gutem Beispiel vorangehen.

Text/Foto: Stefanie Ulrich