Was bleibt - Beeindruckendes Theater am AKG

Nach Amokläufen werden die Attentäter meist bis ins kleinste Detail durchleuchtet. Das Oberstufentheater des Adam-Kraft-Gymnasiums wendet sich in seiner aktuellen Theaterproduktion „Radio Charlot“ den Opfern zu. Das ist witzig, nachdenklich, gefühlvoll – und dadurch am Ende, wenn diese Menschen vom Amokläufer ermordet werden, besonders schmerzhaft. Nach der Aufführung meint eine Zuschauerin, dass sie gar nicht wisse, wie sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen solle. Sie brauche erst einmal ein paar Minuten, um das Ende des Stücks zu verdauen. So wie ihr ergeht es wohl auch vielen anderen. Denn das, was die dreißig Schülerinnen und Schüler des Oberstufentheaters des AKG im Blauen Theater auf die Bühne bringen, kann man nicht so einfach abhaken. Es ist ein Stück, das nachwirkt.

In der freien Bearbeitung des Dramas „2 Uhr 14“ des Kanadiers David Paquet lernt der Zuschauer vier Jugendliche und einen Lehrer kennen. Sie alle knabbern an einem Problem: Jade fühlt sich zu dick, Katrina will endlich ernst- und wahrgenommen werden, Berthier würde zu gerne mal ein Mädchen küssen, Francois hat sich hingegen in einer 77-Jährige verliebt und sucht die Rettung in Drogen. Der Deutschlehrer Dennis leidet an einem klassischen Burn-Out. Im Endstadium. Jede dieser Figuren ringt mit sich, sie stellen sich ihren Problemen und suchen auf ganz eigene Art und Weise nach einem Weg aus der Krise. Das ist mal traurig, mal nachdenklich, dann wieder urkomisch, manchmal sogar grotesk. Aber immer werden die Figuren liebevoll und mit viel Gespür für Feinheiten gezeichnet, sodass man als Zuschauer gleichmäßig seine Sympathien verteilen kann.

Es gibt Anzeichen, dass sich eine Katastrophe anbahnt. Da ist Charles, der während des gesamten Stücks auf der Bühne präsent ist, doch immer nur im Hintergrund und stumm. Und da ist Anne, Charles‘ Mutter, die mit oftmals kryptischen Sätzen, die sich erst im Nachhinein in Gänze erschließen, andeutet, was geschehen wird. Trotz dieser Andeutungen bricht Charles‘ Amoklauf unvermittelt über die Figuren auf der Bühne und das Publikum im Zuschauerraum herein. Die Wege, auf die sich die fünf Personen gemacht haben, werden rigoros abgeschnitten. Es wird nicht versucht, den Amoklauf zu erklären, zu psychologisieren. Das ist grausam. Das lässt viele Fragen offen. Und das ist gut so. Denn damit zeigen die Schauspieler, was ein Amoklauf ist: Er ist nicht verständlich, er kommt für die Opfer völlig unvermittelt, er ist grausam und er hinterlässt klaffende Lücken, die auch dann noch schmerzen, wenn das Medienecho schon längst abgeklungen ist.

Es ist den Schülerinnen und Schülern des Oberstufentheaters unter der Leitung von Johannes Möhler hoch anzurechnen, dass sie sich mit solch sensiblen und schwierigen Themen auseinandersetzen. Den Hauptfiguren geben sie mit großem schauspielerischem Können viel Tiefe und hauchen ihnen damit Leben ein. Doch mindestens ebenso bemerkenswert sind die anderen Spieler, die unzählige Rollen besetzen – von zurückgebliebenen Schülern, streitlustigen Eltern über ein Steak bis hin zu Weihnachtsmännern – und teils in Sekundenschnelle von einer Rolle in die nächste schlüpfen. Mit viel Liebe zum Detail, enormer Präsenz auf der Bühne, gelungenen Wechseln zwischen lauten und leisen, ernsten und lustigen Szenen und nicht zuletzt der deutlich sichtbaren Lust am Komischen und Grotesken gelingt es ihnen, das Publikum im ausverkauften Blauen Theater zu begeistern, zu beeindrucken – und nachdenklich zu stimmen.

Text/Foto: Stefanie Ulrich