Liebe und Wahnsinn im Blauen Theater

Liebe und Wahnsinn liegen nahe beieinander und bedingen sich oftmals gegenseitig. Das zeigen auch die beiden Gruppen des Unter- und des Mittelstufentheaters am Adam-Kraft-Gymnasium, die sich in ihren Produktionen mit der größten Liebesgeschichte der Weltliteratur sowie mit der Fragen „Wer bin ich? Und wie viele?“ auseinandergesetzt haben.

Zwei Aufführungen an einem Abend: Die Zuschauer im ausverkauften Blauen Theater wurden am zunächst vom Unterstufentheater nach Verona entführt, wo sie auf das wohl bekannteste Liebespaar der Weltliteratur, „Romeo und Julia“, trafen, ehe sie von der Theatergruppe der Mittelstufe mit „Insane“ in eine Nervenheilanstalt mitgenommen wurden.

„Hey, willst du mit mir gehen, krasse Braut?“, eröffnet Romeo seine kecke Werbung um Julia, die ihm vom berühmtesten Balkon der Literaturgeschichte schmachtende Blicke zuwirft. Das Drama nimmt seinen Lauf, als den beiden klar wird, dass ihre Liebe trotz oder gerade wegen ihrer heimlichen Blitzheirat an ihren verfeindeten Familien scheitern wird. Die Hauptrollen werden von den jungen Schauspielern mit großem Pathos aber auch experimenteller Spielfreude ausgefüllt. Viel Sprachwitz ergibt sich zudem aus einem schnellen Wechsel zwischen den Originalversen und in Jugendsprache übersetzte Textstellen. Wie vertraut die Nachwuchstruppe harmoniert, zeigen intensive Kampfszenen zwischen den Familien Capulet und Montague, die eine beeindruckende Körperbeherrschung offenbaren. Auch die dramatischen Schlussszenen meistern die jungen Schauspieler mit Bravour. Regisseurin Stephanie Hitzler hat ihre „Youngsters“ zu einer grandiosen Ensembleleistung motiviert, die mit einem stürmischen Schlussapplaus von der Schulfamilie honoriert wurde.

Wer bin ich eigentlich? Nicht nur für Menschen mit multipler Persönlichkeitsstörung keine leicht zu beantwortende Frage. Nelly leidet jedoch an dieser Krankheit, was zunächst aber weder sie noch die Zuschauer wissen. In einer Nervenklinik begibt sie sich mit ihrer Psychologin auf eine Reise in die Vergangenheit, in der sie von Mitschülern gemobbt und von ihrer Mutter nicht verstanden wird. Nur ihre beste Freundin Pina hält zu ihr – auch als die Mitschüler von mysteriösen Unfällen heimgesucht werden und Nelly unter Verdacht gerät, sie verursacht zu haben. Doch dann stellt sich heraus, dass Pina hinter den Unfällen steckt. Nelly wurde von der besten Freundin verraten. Wenig später muss sie feststellen, dass Pina niemand anders ist als sie selbst, ihre zweite Persönlichkeit.

Während sich die Inszenierung bei der Erzählung dieses Handlungsstrangs am Jugendroman „Tausend mal gedenk ich dein“ von Heike Eva Schmidt orientierte, entwickelte die Gruppe die zweite Handlung selbst. In der psychiatrischen Klinik geschieht ein Mord, woraufhin zwei überforderte Polizisten in diesem Fall ermitteln. Keine ganz leichte Aufgabe inmitten von Patienten, bei denen die Grenzen zwischen Normalität und Wahnsinn, Wahrheit und Lüge ständig verwischen.

Die Eigenproduktion „Insane“ unter der Leitung von Dr. Johannes Möhler überzeugt durch eine ausgeklügelte Dramaturgie. Wie ein Puzzle setzen sich beide erzählten Geschichten allmählich zusammen, wobei geschickt damit gespielt wird, was denn nun Normalität und Wahnsinn ist, was Einbildung oder Wahrheit. Vor allem aber können die Spielerinnen und Spieler der 8. und 9. Jahrgangsstufe das Publikum begeistern. Sie bringen ein Spiel auf die Bühne, das wechselt zwischen skurrilen, humorvollen Momenten und ernsten, nachdenklichen Szenen. In Sekundenschnelle werden mit äußerster Präzision die Rollen gewechselt, wenn Nelly aus ihrer Vergangenheit erzählt. Die Patienten verkörpern den Wahnsinn mit wundervoller Mimik und Gestik, ohne dabei in Klischees zu verfallen. Alle Spieler, insbesondere die Hauptrollen Nelly und Pina, arbeiten mit großer Präsenz auf der Bühne, nuancenreich und voller Leidenschaft. Mit einer geschlossenen Ensembleleistung überzeugen sie das Publikum, sodass am Ende ein Zuschauer mit einem Wort alles zusammenfasst: „Wahnsinn!“

Stefanie Ulrich